Fredeswinds Märchenschatztruhe

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Fredeswind
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Intermezzo: Mit Fontane durch Frankreich, Teil 1

Beitrag von Fredeswind » Fr Sep 06, 2019 11:48

Meine Legitimations-Papiere, die alle mehr oder weniger auf Anrufung der preußischen Militair-Autoritäten zu meinem Schutz und zu meiner Unterstützung hinausliefen, sprachen mehr gegen als für mich. Wie federleicht wogen dagegen die paar Aufzeichnungen meines Notizbuches, die alles waren, was ich direkt und unverzüglich zu meiner Verteidigung beibringen konnte!...

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Eine halbe Stunde lag ich so, oder vielleicht länger, ich weiß es nicht. Dann hatt’ ich mich mit der Gewissheit meines Schicksals auch wieder gefunden. Eine Fassung kam über mich, deren ich mich nicht für fähig gehalten hätte... Genug davon. War es Erschöpfung, oder war es die Ruhe vollster Ergebung, — ich schlief wieder ein. Mit dem Morgengrauen war ich wach...

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Um 6 Uhr saß ich an dem Tisch, den Mr. Bourgaut am Abend vorher zurecht gerückt hatte, Um 8 Uhr war ich in Brouillon und Abschrift mit einem langen Memoire fertig, das bereits um 9 Uhr auf dem Büro des Generals lag... Den Beweis meiner Nicht-Militärschaft hatte ich bis zur Evidenz (Offensichtlichkeit) geführt...

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Les autorités civiles et militaires waren nicht zusammengetreten. Es fiel mir wie eine Last von der Brust, ich atmete auf und als mir mein zappelmännischer Mr. Bourgaut... am Abend den Tee brachte, flüsterte er mir freundlich zu: „Tout va bien; tranquillisez-vous!“ (Alles läuft gut; beruhigen Sie sich) Das klang besser als ‚Décidera votre sort‘. Ich schlief fest.

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Intermezzo: Mit Fontane durch Frankreich, Teil 1

Beitrag von Fredeswind » So Sep 08, 2019 9:07

Auch der nächste Tag verging ohne Kriegsgericht. Ich durfte jetzt annehmen, dass ich gerettet sei… Meine vollkommenste Unschuld war evident, dennoch konnte man sich nicht entschließen, mir ohne Weiteres die Freiheit zurückzugeben. Es geschah, was immer in solchen Fällen zu geschehen pflegt: eine Autorität schob einer andern die Verantwortlichkeit zu. Es wurde beschlossen, mich von der Brigade an die Division zu verweisen.

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Ehe dies aber ausgeführt wurde oder auch nun bestimmt zu meiner Kenntnis gelangte, vergingen noch drei Tage. Diese waren mein Idyll zu Langres. An dem ersten dieser drei Tage wurde mir in aller Morgenfrühe ‚Monsieur Louis‘, der Sohn des Hauses, durch Papa Bourgaut vorgestellt und von diesem Moment an war ich nicht mehr Alleinbewohner meines Gefängnisses, sondern teilte es mit ‚mon cher Louis‘.

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Es war ein allerliebster Junge, dreizehnjährig, frisch, naiv, voller Begabung, namentlich nach der Seite des Künstlerischen hin. Der Umstand, dass gerade die großen Ferien waren, machte es ihm möglich, 12 Stunden des Tages mein Gesellschafter zu sein. Ich gewann den Jungen lieb... Wir begannen in der Regel mit einer Stunde deutschen Unterricht.

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Er hatte Lesebücher, darin auch viele deutsche Gedichte eingestreut waren, unter andern Clandius‘ ‚Abendlied‘. Und so lasen wir denn:

„Der Mond ist aufgegangèn,
Die goldenen Sterne prangèn,..."

immer mit dem Accent auf der letzten Silbe, was einen unendlich komischen Eindruck machte.


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Intermezzo: Mit Fontane durch Frankreich, Teil 1

Beitrag von Fredeswind » So Sep 08, 2019 9:28

Nach dem deutschen Unterricht kamen Rätsel und Rebus an die Reihe, worin er mir unendlich überlegen war. Dann schritten wir zu den verschiedensten Gesellschaftsspielen... Waren wir dann ermüdet von dem vielen Spielen, so wusste eher Louis durch eine Art ernsteren Sport die Nerven wieder zu beleben...

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Endlich am Mittag des fünften Tages erschien mein Bourgaut, um mir mitzuteilen, dass ich am nächsten Morgen nach Besançon transportiert werden würde. Er hielt eine lange Rede, noch länger als gewöhnlich. Ich konnte nicht völlig folgen...

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Papa Bourgaut fasste nunmehr epigrammatisch die Situation dahin zusammen: „Renvoyé dans votre pays par la Suisse, ou autorisation supérieure pour séjourner en France.“ (Rücksendung in Ihre Heimat über die Schweiz oder Genehmigung von höherer Stelle, in Frankreich zu Bleiben.) In diesen paar Worten lag ein ganzer Himmel. Das ‚Renvoyé‘ ergab sich danach als das stärkste Strafmaß, das mir zudiktiert werden konnte, wohl aber war mir die Möglichkeit gegeben, im Lande bleiben und meine Schlachtfelder-Studien fortsetzen zu können.

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Ich war wie genesen, betrachtete mich als frei und hundert freundliche Bilder des Wiedersehens stürmten auf mich ein. Das Gefühl des Glückes war so groß, dass ich die Frage, ob ich unter diesen Umständen wohl geneigt sei, ein ordentliches Abendmahl einzunehmen, sofort mit einem herzlichen: „Ja“, beantwortete.

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Re: Fredeswinds Märchenschatztruhe

Beitrag von JohnToni » So Sep 08, 2019 18:51

Beeindruckend wie gelassen und positiv der Theo immer noch ist ... ich wäre schon längst ziemlich gereizt ob cette situation ...

Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht :smile
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Re: Fredeswinds Märchenschatztruhe

Beitrag von Fanny69 » So Sep 08, 2019 20:17

Liebe Irmtraud,

mit Begeisterung lese ich deinen Reisebericht.
Klasse Idee die Urlaubsbilder mit Playmobil zu kombinieren. :great
Tolle Bilder! :zehn

Die Geschichte die du erzählst ist spannend und zugleich sehr informativ.


LG
Antje
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Re: Fredeswinds Märchenschatztruhe

Beitrag von Fredeswind » Mo Sep 09, 2019 8:18

JohnToni hat geschrieben:
So Sep 08, 2019 18:51
Beeindruckend wie gelassen und positiv der Theo immer noch ist ... ich wäre schon längst ziemlich gereizt ob cette situation ...

Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht :smile
:dank :dank

Mir ginge es da ähnlich wie dir. Unvorstellbar so eine Situation. Immer im Ungewissen, was wird werden? Jedenfalls war Fontane echt nervenstark. :zitter

LG von der Märchenfee Fredeswind :fee
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Re: Fredeswinds Märchenschatztruhe

Beitrag von Fredeswind » Mo Sep 09, 2019 8:31

Fanny69 hat geschrieben:
So Sep 08, 2019 20:17
Liebe Irmtraud,

mit Begeisterung lese ich deinen Reisebericht.
Klasse Idee die Urlaubsbilder mit Playmobil zu kombinieren. :great
Tolle Bilder! :zehn

Die Geschichte die du erzählst ist spannend und zugleich sehr informativ.


LG
Antje
:dank :dank :oops :oops

Liebe Antje! :kavalier

Freut mich, dass dir die Geschichte gefällt! :knicks

Mir gefällt dieser Bericht auch sehr und es macht riesig Spaß mal was ganz anderes als Märchen zu erzählen.
Leider habe ich nicht von allen Orten, wo Fontane war, Bilder, weil wir auch nicht alle Orte besuchen konnten. In Neufchateau waren wir zwar, aber ich fand nicht wirklich ein passendes Fotomotiv. Von Langres dagegen hätte ich noch viele Bilder gehabt, weil es ein sehr interessanter Ort ist.
Auf jeden Fall war es spannend in Frankreich auf Fontanes Spuren zu reisen. Die Orte bis zu diesem Zeitpinkt der Geschichte hätten wir ohne Fontane sicher nicht besucht. Und vielleicht machen wir die restlichen Orte auch einmal, doch werde ich auf jeden Fall die Geschichte auch ohne Fotos der Orte weiterführen.

LG Irmtraud :fee
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Intermezzo: Mit Fontane durch Frankreich, Teil 1

Beitrag von Fredeswind » Mo Sep 09, 2019 9:10

Acht Uhr wurde festgesetzt und seitens der Familie Bourgaut der Wunsch ausgesprochen, dass ich das Mahl in ihrem Familienzimmer einnehmen möchte… Punkt acht Uhr trat ich in den Salon, ein großes Hinterzimmer, das sich bis dahin meinen Blicken verborgen hatte. Es war sehr sauber gehalten, auf der Herdstelle brannten große Scheite Buchenholz...

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Wir nahmen endlich Platz, cher Louis, der etwas neckisch und übermütig war, wurde ein paar Mal mit: „Ce n’est pas poli!“ (Das ist nicht höflich) zur Ruhe verwiesen, die gute Laune erlitt aber durch solche Zwischenfälle keine Einbuße, und die Riesentaube die mir endlich durch Madame Bourgaut vorgesetzt wurde, ...war nur im Stande, die gute Laune zu steigern.

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Das Fest stand auf seiner Höhe, als beim dritten oder vierten Glas Wein eine mittelalterliche Dame eintrat, die den Namen ‚Tante‘ führte. Sie war sehr stark, unverheiratet und von heiteren Gesichtszügen.Wir sprachen von ‚cher Louis‘, dessen Pate sie war, und die Bemerkung drängte sich mir auf, ob ihr Liebling, eben unser Freund Louis, nie Geschwister gehabt habe?

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Beitrag von Fredeswind » Mo Sep 09, 2019 9:18

Als dies verneint wurde, ging ich zu der heiklen, übrigens von der Statistik oft aufgeworfenen Frage über: wie es nur komme, dass die Franzosen meist zwei, die Deutschen meist vier und die Engländer meist vierzehn Kinder hätten? Diese letztere Zahl, mit der ich es nicht allzu genau zu nehmen bitte, gab nun das Signal zu allgemeiner Heiterkeit.

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Die Tante, die zu fühlen schien, dass sie es wohl verdient hätte in England geboren zu sein, befand sich auf dem Gipfel des Glücks und ihr Lachen fing an mich mehr oder weniger zu beunruhigen. Es war nur möglich, durch irgendeine Diversion weiterem Unheil vorzubeugen, ich brachte also ein halbes Dutzend Toaste aus...

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Ich stieß mit allen an, mit der Tante dreimal, und trat dann, etwas abrupt, meinen Rückzug an, ohne das Ende der Festlichkeit abgewartet zu haben. Oben rollte ich meine paar Sachen in die Reisedecke hinein und warf mich aufs Bett. In zwölf Stunden hoffte ich in Besançon in vierundzwanzig Stunden in Freiheit zu sein. - Es war anders beschlossen.

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Re: Intermezzo: Mit Fontane durch Frankreich, Teil 1

Beitrag von JohnToni » Mo Sep 09, 2019 10:08

Fredeswind hat geschrieben:
Mo Sep 09, 2019 9:10
als beim dritten oder vierten Glas Wein eine mittelalterliche Dame eintrat, die den Namen ‚Tante‘ führte.
Schöner Name :kicher

Warum musste der arme Theodor denn dreimal mit ihr anstoßen? :grinsen
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Re: Intermezzo: Mit Fontane durch Frankreich, Teil 1

Beitrag von Fredeswind » Di Sep 10, 2019 7:32

JohnToni hat geschrieben:
Mo Sep 09, 2019 10:08
Fredeswind hat geschrieben:
Mo Sep 09, 2019 9:10
als beim dritten oder vierten Glas Wein eine mittelalterliche Dame eintrat, die den Namen ‚Tante‘ führte.
Schöner Name :kicher

Warum musste der arme Theodor denn dreimal mit ihr anstoßen? :grinsen
'Tante' :kicher Wirklich sehr einfallsreich und eher selten :grinsen

Dreimal anstoßen? Gute Frage! :gruebel
Keinen blassen Schimmer, das kommt aus dem Text nicht hervor. :nixweiss
Vielleicht entsprach das damals nicht der Tischkultur.

LG von der Märchenfee Fredeswind :fee
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Beitrag von Fredeswind » Di Sep 10, 2019 18:41

4. VON LANGRES BIS BESANÇON


Besançon wie schon angedeutet, erschien mir lediglich als Etappe zurück in die Freiheit. Ganz abgesehen von den direkten Zusicherungen Mr. Bourgauts, glaubte ich, nach einem gewissen ästhetischen Gesetz, die Lösung des Konflikts innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden erwarten zu müssen... So, guter Dinge, stand ich auch vor diesem Erlebnis... Es ging aber diesmal alles verquer; von regelrechter Entwicklung keine Rede. Immer neues Wirrsal. Erst als ich ganz resigniert war, wurd‘ es besser.

Ich fahre jetzt in Darstellung meiner Erlebnisse fort. Sechs Uhr früh am anderen Morgen trat ich in den Hof des Gefängnisses; die Gendarmen warteten schon. Ein kurzer Abschied; dann ging es im Geschwindschritt bis an den Bahnhof. Diesmal bergab. Die frühe Morgenstunde sicherte einigermaßen vor der Zudringlichkeit der Bevölkerung.

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Es war nasskalt; ein heftiger Regen hatte erst gegen Morgen aufgehört… Ich fand hier Gesellschaft, die gleich mir ins Land hinein transportiert werden sollte, aber nicht nach Besançon. Einer von ihnen war ein gefangener Unteroffizier vom 32. Regiment (Meiningen). Wir fröstelten alle, die Gendarmen in ihren Mänteln nicht ausgenommen.

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Nach etwa halbstündigem Warten setzten wir uns in ein Coupé (immer 2. Klasse) und fuhren südwärts. Ich fragte, ob ich mich mit meinem Landsmann in deutscher Sprache unterhalten könne, was ohne Weiteres zugestanden wurde. In welche Lebensschicksale man in solchen Zeiten Einblick gewinnt! Dieser gefangene Unteroffizier, seines Zeichens eigentlich ein kleiner Kaufmann aus Köslin, war vierunzwanzig Jahre alt und seit drei Jahren verheiratet...

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Er hatte nichts als seinen Rock, seine zerschossene Hand und eine Photographie seiner Frau, die er mir zeigte. Ich gab ihm etwas Geld, was er anfangs nicht nehmen wollte, er brauche nichts, allabendlich werde er in ein französisches Hospital abgeliefert, wo ihn die Schwestern bis diesen Tag gütig gepflegt und verbunden hätten. Es kam kein Klagelaut über seine Lippen; man transportierte ihn nach Marseille. „Da ist es wärmer“, setzte er hinzu, während ihn die Morgenfrische kalt überlief…

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Beitrag von Fredeswind » Di Sep 10, 2019 18:55

Es war nun Zeit mich meinen eigentlichen Begleitern zu widmen. Sie ließen mir auch keine Wahl; namentlich der eine, ein alter Chasseur d’Afrique, der zwanzig Jahre in Algier gewesen war, bemächtigte sich meiner. Wie ein Sturzbach brach es über mich herein. Wer dabei geneigt sein möchte anzunehmen, dass solche Passivität, solch bloßes Stillhalten, zu dem ich mich verurteilt sah, am Ende nicht als große Anstrengung betrachtet werden könne, der irrt… Ich wurde ganz erschöpft... Endlich heuchelte ich Schlaf...

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Etwa halben Weges erreichten wir Gray, einen größeren Ort, wo angehalten wurde. Es gab ein wirres Durcheinander, dem ich mich, durch Ausharren auf meinem Platze, zu entziehen suchte; aber ich sollte nichtsdestoweniger in die bunte Szene, als eine Art Mitspieler, hineingezogen werden. Das Coupé stand offen, Hunderte, die ein Unterkommen suchten, starrten hinein und verschwanden wieder, sobald sie die Plätze belegt oder besetzt sahen.

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Bis plötzlich aus einer dieser auf und ab wogenden Gruppen ein herzliches Lachen und zugleich die Worte zu mir herklangen: „Bonjour, Monsieur; vous souvenez-vous de Domrémy?“ (Guten Tag mein Herr, erinnern Sie sich an Domremy?)

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Einen Augenblick, weil ich das Wort ‚Domremy‘ nicht deutlich gehört und ohne dies Wort keinen Schlüssel zum Verständnis hatte, starrte ich wie verwirrt in die beständig grüßende und kopfnickende Soldatengruppe hinein, bis es mir endlich wie Schuppen von den Augen fiel.

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Beitrag von Fredeswind » Di Sep 10, 2019 19:08

Der Vorderste, in roter Schärpe… war einer jener Herren, die meine Verhaftung vor dem Hause der ‚Pucelle‘ herbeigeführt, hinterher aber freilich die Rechnung quitt machend, durch ihren Beistand mich vor den Insulten des Dorfpöbels gerettet hatten. Gerade eine Woche war seitdem vergangen. Die ganze Franctireursschaft von Domremy zog jetzt südwärts, um sich dem großen, unter Garibaldi zu bildenden Freicorps anzuschließen.

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Unser Wiederzusammentreffen, so weit von dem Schauplatz unserer ersten Begegnung entfernt, weckte allgemeine Heiterkeit, auch bei denen, die bloß flüchtig davon hörten, und alles drängte herbei, um die augenblickliche Bahnhofs-Sehenswürdigkeit von Gray wie einen alten Bekannten zu grüßen.

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Hier in Gray ging auch der 32er Unteroffizier auf eine andere Bahnlinie über; wir anderen fuhren, unter Beschreibung einer Kurve, zunächst auf Auxonne zu. Dies ist abermals ein Kreuzungspunkt; wir mussten die Wagen wechseln und hatten eine halbe Stunde Zeit, um ein kleines Dejeuner zu bestellen...

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Nach halbstündigem Aufenthalt ging es weiter auf Besançon zu. Wir kamen bald in seine Nähe und fuhren gegen zwei Uhr in den weiten Kessel hinein, in dem die Stadt gelegen ist. Die Befestigungen derselben umgürten nicht unmittelbar die Stadt.

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Zuletzt geändert von Fredeswind am Di Sep 10, 2019 19:20, insgesamt 3-mal geändert.
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Beitrag von Fredeswind » Di Sep 10, 2019 19:13

Sie sind auf den einschließenden Bergen gelegen. Bis zum Ausbruch des Krieges, vielleicht bis zur Kapitulation von Sedan, war ‚la Citadelle de Besançon‘ das eigentlich beherrschende Fort...

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Der Weg vom Bahnhof bis zur Kommandantur war wieder so weit wie möglich; wir mussten durch die ganze Stadt hindurch... Die Stadt macht einen sehr guten Eindruck... Seine Quaderhäuser.. sind freilich weder sonderlich originell, noch pittoresk; desto mehr jedoch sind es seine Kirchen. Vor allem die alte Kathedrale. Aber nicht sie allein.

In der Mitte der Stadt erhebt sich ein moderner Bau, die Johannis- oder Magdalenenkirche. Ich bin, was den Namen angeht, meiner Sache nicht sicher. Desto sicherer steht das Bild vor meinem Auge. Pfeiler mit korinthischem Kapitell schaffen eine griechische Front.. Man verweilt mit Interesse bei dieser Baumeister-Laune und ein goldenes, weithin leuchtendes Kreuz, das aus Stäben reich geflochten wie eine Riesen-Filigranarbeit das Ganze bedeutungsvoll abschließt, adelt es und gibt ihm den kirchlichen Charakter.

Wir hatten endlich die Kommandantur, die hier den Namen ‚la Division‘ führt, erreicht und nahmen in einem Vorzimmer auf einem Armensünderbänkchen Platz. Ein beständiges Kommen und Gehen von Adjutanten und Ordonnanzen; so vergingen fast zwei Stunden. Die Gendarmen, die nach ihrem Mittagsbrot verlangten, wurden ungeduldig.


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Endlich erschien ein blasser Herr..., seine Augen waren klug und lebhaft. Er musterte mich scharf und rasch mit einem bloßen Streifblick... Er überreichte dann dem Gendarmerie-Brigadier mehrere Papiere; ich hörte meinen Namen und gleich darauf die ruhige Weisung: „À la Citadelle.“ (In die Zitadelle!)

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