Ich werde versuchen, pünktlich im Chat zu sein.
Viele Grüße
Julia
Moderatoren: KlickyWelt-Team, Antler, KlickyWelt-Team
Mimi erzählt:
Espresso № 5
AUFMUCKN?
AUFBEGEHREN?
Seattle, 17. September 1983 - 28. Mai 1984
Voaspü: Die Misfits sind passé. Trish ist lange weg. Beth hat noch ein paarmal bei mir übernachtet. Sie hat mir Modell gestanden. Sie hat bei mir im großen Bett geschlafen, und wir lagen eng aneinander, als könnten wir Trish so zurückholen. Wir waren gemeinsam einsam.
Dann ist auch Beth weg. Ihr Vater ist in Wenatchee zum Bürgermeister gewählt worden. Ich werde ihre Ruhe vermissen. Ihre Stille. Ihren Atem neben mir. Zu Lori habe ich ebenfalls keinen Kontakt mehr. Die Skifreizeit hat uns endgültig auseinandergebracht. Sie hat sich bei mir bedankt. Das schon. Aber inzwischen steht sie bei den Jungs. Ich höre ihr Gekicher, sehe das Schulterknuffen und weiß, dass ich damit nicht gemeint bin.
Mit dem Schwimmtraining habe ich aufgehört. Mum passt das gar nicht. "Du brauchst Ordnung!" Sie meint wohl Zucht. Zu meinem 14. Geburtstag legt sie ein Faltblatt auf den Tisch: Señores Modoaldo Ruiz und Tito Casado – Tanzlehrer. "Ich habe dich dort angemeldet!" "Tanzstunden? Das kann nicht dein Ernst sein." "Oh, doch. Du gehst."
Ash sagt nichts. Er ist selten da, und wenn doch, wirkt er schon wieder halb weg. THE SUPERSONICS ziehen ihn aus dem Haus. Mum lächelt dazu auf diese schöne, gefährliche Art. Je heller Ash draußen leuchtet, desto kälter wird es drinnen.
Bild Buenos Aires: privat.
Föd 1: Señor Modoaldo Ruiz sieht mich an und weiß sofort, dass ich mir angewöhnt habe, mich kleiner zu machen, als ich bin. "Noch einmal", sagt er. Ich habe den Tangoschritt kaum begonnen. Der X-Choker sitzt fest an meinem Hals. Sein Blick bleibt kurz daran hängen. Er fragt nicht danach. Das ist schlimmer.
"Du tanzt, als wolltest du dich entschuldigen", sagt er. "Wofür? Für deine Existenz. Schluss damit." So beginnt es. Nicht romantisch. Nicht weich. Nicht mit einem Jungen, der meine Hand nimmt. Sondern mit Parkett. Spiegeln. Schweiß. Und einem alten Herrn in tadellosen Schuhen, der mir klarmacht, dass meine 1,83 Meter kein Unglück sind. Sondern Präsenz.
Ich gehe heim mit schmerzenden Füßen und dem ersten Gefühl, dass mein Körper vielleicht doch nicht gegen mich arbeitet. Ich habe nur noch nicht gelernt, richtig mit ihm umzugehen. Würfle.
⚀, ⚁, ⚂ und ⚃: Aller Anfang ist schwer.
⚄ und ⚅: Señor Ruiz nickt einmal. Das ist fast schon ein Ritterschlag. 3 M&C's für dich!
Föd 2: Tito Casado lebt mit Señor Modoaldo Ruiz zusammen. Er ist jünger, schöner, wärmer und auf seine Art mindestens so gefährlich. Mum hat mich dort angemeldet. Der Rest passiert einfach. Ich bin kein Projekt von ihnen. Ich bin da. Ruiz bringt mir Haltung bei. Tito bringt mir bei, was man mit Haltung anfängt. Der eine sagt: "Langsamer." Der andere: "Cielito, Kinn hoch. Nicht trotzig. Souverän."
Sie nutzen meine Vorliebe für Stummfilme schamlos gegen mich aus. Hände, Blicke, Pausen. Bei Señor Ruiz und seinem Tango Argentino wird alles Linie. Durch Tito kommt kubanische Salsa dazu. Fluss. Hüfte. Atem. Timing. Ich lerne: Stil heißt nicht unbedingt, hübsch zu sein. Stil heißt vor allem, deutlich zu sein.
Tito zeigt mir, wie man Lippenstift benutzt, als wäre es Handwerkszeug. "Nicht zu viel", sage ich. "Nicht zu wenig", sagt er. Ich lerne schnell. Zwei Männer, die sich kennen, sich aushalten und einander Platz lassen. Irgendwann merke ich, dass ich nicht mehr nur zum Unterricht komme. Ich habe einen Platz in ihrem Leben. 1x würfeln.
⚀ und ⚁: Tito macht für dich Kaffee. Noch ist er etwas dünn. Trotzdem erhältst du 3 M&C’s.
⚂, ⚃, ⚄ und ⚅: Aller Anfang ist schwer.
Föd 3: "Cielito, du solltest endlich zum Frauenarzt gehen", sagt Tito, als rede er über ein Paar neue Schuhe. Er hat recht. Natürlich hat er recht. Das ist das Ärgerliche. Also gehe ich hin. Ich bekomme die Pille wegen meiner Körperbehaarung verschrieben und begreife, dass mein Körper meine Sache ist. Jedenfalls keine Familiensache.
Unangenehm bleibt es trotzdem. Tito hilft mir bei der Entfernung der lästigen Härchen, erst einmal als praktische Soforthilfe. Er erklärt mir, worauf ich achten muss und wie man die Haut hinterher beruhigt. Später stehe ich in meinem kleinen Atelier vor dem Spiegel. Der X-Choker sitzt fest an meinem Hals wie ein Fremdkörper. Ich hebe den langen Rock ein wenig, sehe meine Beine an und denke:
Vielleicht ist nichts davon falsch. Vielleicht ist es nur Arbeit. Vielleicht muss ich lernen, meinen Körper nicht wie einen Feind zu behandeln. Noch traue ich mir selbst nicht ganz über den Weg. Aber ich fange an.
Tito will dich aufmuntern. Welche 3 Emojis wählt er? Bei Gefallen gibt es 3 M&C's.
Föd 4: Valentinstag. Nach der Stunde nimmt Tito mich zum ersten Mal mit nach oben in die Wohnung über der Tanzschule. Schon unten kommt man nicht einfach rein. Die Tür hat eine Drahteinlage. Tito klingelt. Señor Ruiz lässt uns herein. Von außen wirkt der Laden abweisend. Drinnen nicht. Eine Treppe höher ist es eine andere Welt.
Tito will mir erst eine Cola einschenken. "Un espresso, por favor", sage ich. Er sieht mich an. "Cielito lindo, du bist vierzehn." "Ich weiß." Señor Ruiz hebt nicht einmal den Blick. "Dann gib dem Mädchen einen Espresso." Ich sitze da und höre zu. Mehr nicht. Aber es reicht. Mum hat mich zur Tanzschule geschickt, damit ich Form lerne. Das stimmt sogar. Nur nicht die, die sie gemeint hat.
Du steckst Señor Modoaldo Ruiz und Tito Casado eine selbstgemachte Valentinskarte zu. Würfle.
Der Text ist ...
⚀ und ⚁: ehrlich
⚂ und ⚃: zweideutig
⚄ und ⚅: frech
Formuliere maximal 12 Wörter. Gib dir Mühe und erhalte so 3 M&C's.
P. S. Auf dem Tisch liegt ein Zeitungsausschnitt:
NEW U. S. REPORT NAMES VIRUS THAT MAY CAUSE AIDS.
Föd 5: Ash ist zwischenzeitlich sehr weit gekommen. THE SUPERSONICS laufen schon lange nicht mehr nur in Seattle. Fotos. Studio. Interviews. Europa. Ash ist weich geblieben, aber sein Leben nicht. Sein Leben hat jetzt Termine, Manager, Flughäfen und Mädchen, die genau wissen, wen sie da ansehen. Mum lächelt dazu. Sie lächelt viel in dieser Zeit.
Dann sieht sie mich in Tanzkleidung. Nicht nackt. Nicht billig. Nicht einmal besonders mutig. Nur sichtbar. Mum schüttelt den Kopf, sagt nichts und geht. Dass sie mir nicht einmal das Wort gibt, trifft mich mehr. Danach paffe ich in meinem kleinen Atelier am Fenster meinen ersten Zigarillo. Ich huste, fluche leise und rauche trotzdem weiter.
Drinnen riecht es nach Stoff, Schminke und blauem Dunst. Draußen ist Mercer Island wie immer. Ash ist nicht da. Mum wird bitterer. Und ich werde genauer.
Nach dem Schlag ziehst du dich innerlich zurück. Nenne 3 Dinge, die jetzt in deinem Atelier nicht fehlen dürfen. 3 Dinge = 3 M&C's.
FÖD 6: Ich schaue in den Spiegel. Nicht frei. Nicht fertig. Aber da. In meinem kleinen Atelier ist Platz für Bett, Spiegel, Rauch, Stummfilme, Zeichnen. Beth stand mir hier Modell. Beim Tango sehe ich zum ersten Mal nicht mehr aus, als wollte ich mich entschuldigen. Beim Salsa merke ich, dass ein Körper nicht nur eine Kante braucht.
Señor Ruiz ist für mich zur Instanz geworden. Tito und er sind so etwas wie Familie. Nicht Blut. Besser. Gesagt hätte das keiner von beiden. Mum wollte ein anständiges Mädchen. Stattdessen bekommt sie mich: noch mit X-Choker. Aber nicht mehr ohne Widerstand.
Ich merke immer schneller, wenn Leute etwas schönreden. Wenn sie Fürsorge sagen und Kontrolle meinen. Wenn sie Form sagen und Gehorsam meinen. Ich hebe das Kinn. Vor dem Spiegel steht keine Vorzeigetochter. Nur ich. Noch nicht ganz Afra. Aber auf dem Weg dorthin.
Bild HIV I Virus: ChatGPT.
Nochspü: Her Haven™ lässt nicht locker. Mum findet den Lippenstift. Dann die Schuhe. Dann auch noch die Pille. Am Ende sitzt eine Frau bei uns im Wohnzimmer. Glatte Stimme. Freundliches Gesicht. Alles an ihr klingt nach Fürsorge und meint Gehorsam. Sie redet von Anstand, Auftreten und falschen Signalen. Mum hört ihr zu. Dann nennt sie mich hussy. Flittchen.
Später bin ich bei Señor Ruiz in der Küche. Tito setzt Kaffee auf und reicht dazu Pastelitos de guayaba y queso. Ich rede schneller, als ich atmen kann. Señor Ruiz hört zu, bis ich fertig bin. Dann sagt er: "Stil reicht gegen manche Leute nicht. Macht schon." Das ist leider nur zu wahr.
Zu Hause warte ich, bis Mum schläft. Dann nehme ich das Telefon. "Zio Gianni", sage ich, als er rangeht. "Jetzt wird’s Zeit." Er schweigt kurz. Nicht überrascht. Eher so, als hätte er mit genau diesem Anruf längst gerechnet. Dann sagt er: "Also doch." "Ja." Wieder Schweigen. Diesmal erkläre ich nichts. Das habe ich vor Monaten schon getan. Er weiß, worum es geht. Er weiß auch, dass ich nicht anrufe, um mich auszuweinen.
Dann lacht er leise. "Du klingst nicht mehr wie ein Kind." "Gut", sage ich. "Dann fang endlich an." Diesmal rede ich nicht von Hilfe. Diesmal rede ich nicht von Hoffnung. Und ich erkläre ihm auch nicht noch einmal, was Her Haven™ mit Mum macht. Das alles weiß er längst. Ich will nur noch wissen, ob er es ernst meint.
Als ich auflege, weiß ich wenigstens das: Her Haven™ hat wieder angegriffen. Jetzt schlage ich zurück.
Kaffee?
Mimi erzählt:
Espresso № 6
AUSBIXN
AUSREISSEN
Ötscherland, 5.-12. August 1984
Voaspü: Ich bin ungeduldig. Nicht nur, weil ich erst 14 bin, sondern weil ich merke, dass in mir etwas voran will und doch nicht vorankommt. Alles stockt. Selbst das Wort "Flittchen" steht noch immer unentschuldigt zwischen Mum und mir. Da kommt Eddas Einladung gerade recht: Wandern mit Chris im Ötscherland. Endlich weg.
Am Flughafen fragt Mum nur: "Du kommst doch wieder?" Ich antworte nicht. Stattdessen umarme ich sie. Kurz, fest, überraschend. Das ist längst überfällig. Bevor sie mein Gesicht und die Tränen richtig sehen kann, lasse ich sie los und gehe.
Im Flugzeug sitzt neben mir eine ältere Dame. Freundlich, aber irgendwie verschroben. "Manche Berge sind mehr, als sie zunächst scheinen", sagt sie. Später: "Halt dich an das, was nicht lügt." Beim Umsteigen ist sie weg. Ich denke mir nichts dabei.
Oma Maria und Herr Horak holen mich von Schwechat ab. Ein paar Tage später bringen sie mich zum Bahnhof Laubenbach. Dort warten Chris, Edda und - Überraschung - Zio Gianni. Es gibt ein großes Hallo. Erklärt wird nichts, aber zwischen Edda und Gianni ist plötzlich eine gewisse Vertrautheit da.
Afra erzählt:
1683
Föd 1: Ich bin auf der Flucht. Ein Hinterhalt. Im Getümmel bricht das von mir entwendete Kamel unter mir zusammen. Ich reiße mich los und stürze die Pernarotte hinab ins Tal, weiter in den Höllgraben. Hinter mir: Hufe, Stimmen, Metall. Akıncı - osmanische Reiterei. "Canlı yakalayın! - Fasst sie lebend!"
Unten im Tal packe ich ein herrenloses Pferd, springe hinauf und zwinge es in den Lauf. Der Höllgraben spuckt mich auf den Schlagerboden aus: offen, kahl, verbrannt. Erst dort begreife ich, wie sichtbar ich bin. Also treibe ich das Pferd weiter gen Wegscheid.
Zu Beginn kämpfst du noch rein instinktiv. Nicht Hoffnung treibt dich, sondern Reflex und Disziplin. Wähle 1 Wort für dein Verhalten: Pflicht | Angst | Liebe. Begründe kurz, warum. Maximal 12 Wörter. Ist deine Antwort nachvollziehbar, rücke 1 Feld vor.
Föd 2: Am Bildstock fällt mein Blick auf die Sturmhöhe. Dunkel ragt der Ötscher vor mir auf. Ich zwinge mich weiter: hinab in den Grollenbachgraben, am Hackstock vorbei, durch das geplünderte Jeßnitz, immer tiefer in das zerfurchte Land. "İleri! Atları sürün! - Vor! Treibt die Pferde an!" Es klingt nicht mehr so nah. Das Gelände wird unwegsam. Ich lasse das Pferd frei.
Jeder Schritt brennt. Hinter mir könnte noch immer jemand sein. Reifgraben. Der Schober. Erst dort begreife ich, wo ich bin: im Gebiet der Kümmernis. "Wenn du mich hörst, Vitus Mulierfortis", flüstere ich, "dann hilf mir." Denn hier, so heißt es, antwortet Kümmernis denen, die nichts mehr haben außer ihrem Schmerz.
Das ist schon beachtlich: Zum ersten Mal seit 16 Jahrhunderten formulierst du eine Bitte. Nicht an Menschen. Nicht an deinen Herrn. Sondern an eine Macht, die vielleicht hilft. Du bittest, obwohl du kaum noch daran glaubst. Vervollständige: "Wenn du mich hörst, dann ..." Ist deine Antwort stimmig, winken 3 Kletzen.
Föd 3: Jeder Schritt wird schwerer. Nicht wegen der Wunden, die sie mir zugefügt haben. Sondern weil etwas in mir nachgibt. Ein Teil von mir flüstert, dass es genug ist. Da begreife ich, was es heißt, wenn Relikte vergehen: Nicht der Leib gibt zuerst nach, sondern der Wille. Wenn sie aufhören zu wollen, fallen sie in den todesähnlichen Schlaf.
Vom Schober aus zwinge ich mich weiter bis zum Trefflingfall. Dort raste ich. Am Gsoll und an der Gsoller Sag vorbei stolpere ich weiter. Alles liegt still. Zu still. Am Rauen Kamm wird jeder Schritt zur Qual. Die Sturmhöhe - der Ötscher - ragt vor mir auf. Und mit ihr die Erkenntnis: Die Kümmernis erhört mich nicht. Wenn ich falle, dann falle ich allein.
Du hast es begriffen: Nicht die Wunden sind das Schlimmste, sondern dass dein Wille weich wird. Nicht dein Leib wird müde. Das Warten hat dich müde gemacht. Nenne 3 Dinge, die in dir nachgeben. Ist es nachvollziehbar, rücke 1 Feld vor.
Föd 4: Ich binde mich mit meinem Gürtel an die alte Wetterfichte der Kümmernis und sinke nach einer Weile in einen todesähnlichen Schlaf. Später bleiben mir nur Stimmen. "Ist sie ...?", fragt der Antler. "Sie ist es nicht", sagt Vitus Mulierfortis. "Du warst es auch nicht."
"Dann schläft sie." "Ja." "Bekommt sie etwas mit?" "Hast du denn etwas mitbekommen?", fragt Kümmernis ihn. Der Antler verneint. "Ich bin ohnehin nur noch Knochen", sagt er traurig. "Du warst ebenfalls nicht tot", sagt Kümmernis. "Du schliefst nur. Und sie haben dich ausgefleischt." Stille.
"Wohin bringen wir sie?", fragt er, während sie mich abnehmen. "Zu ihrer Quelle", sagt Vitus Mulierfortis, "auf den Sonntagsberg."
Du bindest dich nicht aus bloßer Not an den Stamm, sondern weil du das Kämpfen aufgibst. Nicht aus Feigheit. Aus Endgültigkeit. Du kannst nicht mehr. Du wählst nicht den Sieg. Du wählst das Ende des Wartens. Würfle.
⚀ und ⚁: Was gibst du zuerst auf?
⚂ und ⚃: Was hält dich noch?
⚄ und ⚅: Woran bindest du dich innerlich?
Maximal 12 Wörter. Bei Gefallen: 3 Kletzen.
Föd 5: In der Nacht waschen sie meinen geschundenen Leib im Erlaufsee und versorgen meine Wunden. Früh am nächsten Morgen geht es weiter. Vitus’ Monokeros zieht die Travois, auf der ich liege, zunächst in Richtung Mariazell.
Nun rücken sie aus zwei Richtungen an: Die osmanische Reiterei kommt aus dem Westen. Die habe ich - so hoffe ich - abgehängt. Die Häscher der Kuratoren kommen aus dem Osten, aus Mariazell. Der Reliquienhandel hat Hochkonjunktur. Jeder kann ein Wunder vertragen.
"Nicht weiter nach Süden", sagt Kümmernis. Wir drehen nach Norden. Später biegen wir ostwärts in die Ötschergräben ab. Der Antler geht hinter der Stangenschleife. "Das ist kein guter Weg", sagt er. "Nein", sagt Kümmernis, die führt. "Nur einer, auf dem sie uns nicht gleich finden."
Ab hier handelst du nicht mehr selbst. Du bist im todesähnlichen Schlaf. Erst als du nicht mehr kannst, wirst du getragen. Antworte nur mit 3 Smileys: Was spürst du noch? Wenn es passt, rücke 1 Feld vor.
Föd 6: Ich schlafe und werde getragen. Der Ötscherbach rauscht unter mir durch Stein und Enge. Monokeros zieht mich weiter. Hinter mir geht der Antler. Kümmernis führt. Hinter uns sind die Häscher der Kuratoren. Im Gegensatz zu den Osmanen sind sie ortskundig. Sie kennen die Schluchten und Steige.
Sie versuchen, uns den Weg abzuschneiden, oder lauern oberhalb von Engstellen, wo man in den Gräben nicht ausweichen kann. Ich bekomme davon kaum etwas mit. Nur Bruchstücke. Wasser. Schritte. Ein kurzes Anhalten. Dann wieder vorwärts. Einmal höre ich den Antler sagen: "Sie sind nah." Und Kümmernis antwortet: "Schnell weiter!"
Im Schlaf bleiben dir nur Bruchstücke. Du wirst bewahrt, aber nicht erhört. Ergänze 3 Splitter: Ich höre ... | Ich fürchte ... | Ich hoffe ... Sind alle 3 stimmig, erhältst du 3 Kletzen.
Mimi erzählt:
1984
Föd 1: Wir gehen los, und ich merke sofort, wie vertraut Edda und Gianni plötzlich miteinander wirken. Später sagt Gianni zu mir: "Ich sollte mich bei dir bedanken." "Wofür?" Er lächelt leicht. "Für den Ring. Und für die Information im richtigen Augenblick." "Und weiter?"
"Edda und ich haben uns wiedergefunden", sagt er. Dann sieht er kurz zu Chris hinüber. "Und was Chris betrifft ..." "Du bist ihr Vater", schneide ich ihm das Wort ab. Gianni schweigt einen Augenblick. Dann nickt er. "Ja." Fein. Mehr muss ich fürs Erste nicht wissen.
Vor mir steht ein Ast so, dass ich ihn kurz für ein Geweih halte. Reagiere nur mit 3 Emojis. Als Belohnung darfst du 1 Feld vor.
Föd 2: Ich habe mich auf eine Bank gesetzt, als Gianni langsam neben mich tritt. "Du und Chris - ihr kennt euch von Kindesbeinen an", sagt er leise. "Das ist selten." Ich sage nichts. Er sieht kurz zu Chris hinüber. Dann wieder zu mir. "Bitte verletz sie nicht", sagt er. "Sie ist so ... fragile."
Ich hebe den Blick. Meine Augen brennen. Mehr sieht man von außen hoffentlich nicht. Der Rest spielt sich tiefer ab. Mein Herz schlägt schneller. Nicht nur wegen Giannis Worten. Sondern weil ich in diesem Moment begreife, dass Nähe schnell Verantwortung nach sich zieht.
Plötzlich spürst du winterliche Kälte, ohne Grund. Nenne 3 Dinge, die du den anderen besser nicht sagst. Als Belohnung gibt es 3 Wiener Zuckerl.
Föd 3: Am Rauen Kamm wird der Weg nicht nur schmaler. Etwas in mir will auf einmal nachgeben. Nicht mein Körper. Mein Wille. Einfach nicht mehr wollen. Da fragt Chris: "Die Geschichten, die du abends im Matratzenlager von Afra erzählst - die denkst du dir doch nicht nur aus?"
Ich antworte nicht. Ich ziehe Mannerschnitten aus dem Rucksack - zugesteckt für meine Geschichten - und teile sie mit Chris. "Hier." Für einen Moment sind wir nur zwei Mädchen auf dem Rauen Kamm, etwas Süßes im Mund. Da merke ich, wie wenig es manchmal braucht.
Du siehst seltsam knöcherne Fußspuren in der roten Erde zwischen den Felsen. Dann enden sie einfach.
BENOIT FOLLOWS 'THE YELLOW BRICK ROAD' TO GOLD.
Würfle.
⚀ und ⚁: Amerika und Olympia sind weit weg.
⚂ und ⚃: Chris ist näher.
⚄ und ⚅: Der Antler ist näher.
Beschreibe mit maximal 12 Wörtern, wie du als Mimi diesen Moment empfindest. Ist deine Antwort treffend, gehe 1 Feld vor.
Föd 4: Die alte Wetterfichte der Kümmernis ist Y-förmig gespalten, als hätte der Blitz sie einmal aufgerissen und am Leben gelassen. An den Ästen hängen Votivtafeln. Junge Frauen. Alte Frauen. Bitten. Dank. Ich setze mich an den Stamm und lehne mich an die Borke. Der Wind geht durch die Zweige. Rauschen.
Zum ersten Mal seit Stunden habe ich nicht das Gefühl, ganz allein zu sein. Ich ergreife Chris' Hand. Sie zieht mich hoch. Dann küsse ich Chris auf den Mund. Nicht groß. Nicht stürmisch. Nur so zärtlich, wie ich kann, damit sie nicht gleich wieder vor mir zurückweicht. Dann werden wir beide forscher, und der Kuss wird rasch inniger. Für einen Augenblick hält alles still. Dann atmet die Welt weiter.
Halt! Zurück zur alten Wetterfichte. Am Stamm hast du das Gefühl, nicht allein zu sein. Wähle eins: Stamm | X-Choker | Chris. Erkläre in maximal 12 Wörtern, warum du dich daran klammerst. Ist es nachvollziehbar, erhältst du 3 Wiener Zuckerl.
Föd 5: In meinem schwarzen Badeanzug mit hohen Beinausschnitten war ich in aller Früh im Erlaufsee schwimmen. Als ich ans Ufer zurückkehre, merke ich, dass ich nicht allein bin. Chris steht dort mit einem Handtuch für mich und weiß nicht, wohin mit ihrem Blick.
Ich richte mich auf, streiche mir die nassen Strähnen aus dem Gesicht und hebe dabei die Arme. Das Wasser läuft mir über Schultern und Rücken. Chris wird rot. Sie hat meine Achseln gesehen. Glatt. Haarlos. Für andere mag das nichts sein. Für mich ist es Arbeit. Dass sie das sieht, geht mir nahe.
Gerade genug, dass ich mich für einen Augenblick nicht falsch in meinem eigenen Leib fühle. "Are you waylaying me?", frage ich. "Lauerst du mir auf?" Am Ufer liegt etwas Weißes: ein Ast, Knochen oder bloß ein Spiel des Lichts. Was testest du jetzt: Chris, deinen Körper oder deinen Mut? Schreibe in maximal 12 Wörtern, warum. Ist es treffend, rücke 1 Feld vor.
Föd 6: Ich stehe bis zu den Oberschenkeln im Wasser und spritze Chris absichtlich nass. Edda steht ein Stück weiter mit verschränkten Armen da und sieht zu. "Mimi", sagt sie, "du wirst mal eine richtige Herzensbrecherin. Hab doch ein Einsehen. Chris ist schon ganz verlegen."
"Ist mir egal", sage ich und mache noch einen Schritt auf sie zu. Ich lache. "Man kann Leute gar nicht früh genug auf einen prägen." Tief in mir regt sich etwas. Chris sieht mich an, rot bis in die Wangen. Da sage ich: "Ich habe den Antler dreimal verloren. Ich möchte dich nicht auch noch verlieren." Danach rauscht nur noch das Wasser in den Ötschergräben.
Hörst du tatsächlich, wie der Ötscherbach deinen Namen murmelt? Oder ist es jemand anderer? Wähle: Chris | Antler | beide. Begründe deine Wahl in maximal 12 Wörtern. Ist sie stimmig, erhältst du 3 Wiener Zuckerl.
Afra und Mimi erzählen:
Föd 7: Die Schwärze geht nicht weg. Sie wird nur erträglicher. Chris geht neben mir. Ihre Stimme. Ihr Schritt. Ihr Nicht-Verschwinden. Ich höre auf, jedem Zeichen hinterherzulaufen. Nicht jeder Ast ist Geweih. Nicht jede Kälte ist der Antler. Ich lasse es.
Afra ist nicht fort. Sie ist nur in mir angekommen. Ihre Schwere ist jetzt auch in mir. Ihre Resignation nicht. Ihr Hunger schon. Ihre Disziplin auch. Ich will nicht weniger Körper sein, sondern mehr. Nicht Rest. Leib.
Bei St. Magdalenen fasse ich an meinen X-Choker. Er bleibt sichtbar. Aber er ist nicht länger Mums Zeichen. Er ist jetzt meines.
Kurz vor dem Bahnhof sehe ich zu Chris hinüber und weiß: Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Lieber Chris neben mir als den Antler nur als vage Spur. "Das nächste Mal, wenn wir uns wiedersehen, ...", sage ich. Ich stocke. "... schlafen wir miteinander", vervollständigt Chris meinen Satz. Genau das habe ich gemeint.
Am Bahnhof warten Oma Maria und Herr Horak auf mich. Ich laufe auf sie zu und umarme beide.
Mimi erzählt:
Nochspü: Auf dem Rückflug sehe ich die alte Dame wieder. Dieselben Augen. Derselbe Mund. "Na also", sagt sie irgendwann zu mir. "Da bist du ja wieder. Du hast dich verändert." Kurz vor der Landung sagt sie noch: "Die Schwärze ist nicht weg. Aber du auch nicht." Beim Aussteigen ist sie fort.
Mum holt mich vom Flughafen ab. Sie ist merklich erleichtert und platzt fast vor Neuigkeiten: Die alten Bandmitglieder aus New York haben sich bei ihr gemeldet. Zu weit weg zwar, aber vielleicht ist das gerade der richtige Augenblick für etwas Neues. Eine neue Band. Vielleicht sogar ein neuer Stil.
Später gebe ich Mum das Bild von der alten Fichte der Kümmernis. Ein altes Foto. Die Farben haben sich mit der Zeit verändert. Mum und Edda sind nackt. Beide schwanger. Vielleicht Selbstauslöser. Mum blickt nicht in die Kamera, sondern ist Edda zugewandt. Mum wird still. "Wie glücklich wir waren", sagt sie.
Noch später sitze ich allein in meinem Atelier. Ich trinke einen Espresso, zünde mir einen Zigarillo an und drücke ihn gleich wieder aus. Er schmeckt mir nicht. Blöde Angewohnheit. Dann fällt mein Blick auf eines der Porträts. Es zeigt Ash' verstorbene Mum. Die ältere Dame vom Hin- und Rückflug.
Ich sage mir: Jetlag. Zu wenig Schlaf. Zu viel Ötscher. Geholfen hat keiner dieser Gedanken. Ich werde das Bild nicht abhängen. Es ist, als würde Mumsi mich beobachten. Und seltsamerweise tut mir das gut.
Kaffee?
𝕯𝖎𝖊 𝖆𝖑𝖙𝖊 𝖂𝖊𝖙𝖙𝖊𝖗𝖋𝖎𝖈𝖍𝖙𝖊 𝖉𝖊𝖗 𝖁𝖎𝖙𝖚𝖘 𝕸𝖚𝖑𝖎𝖊𝖗𝖋𝖔𝖗𝖙𝖎𝖘, 𝖌𝖊𝖓𝖆𝖓𝖓𝖙 𝕶𝖚𝖊𝖒𝖒𝖊𝖗𝖓𝖎𝖘
Im Ötscherland stand oberhalb der Gräben, am Grat, eine alte Wetterfichte, die man schon von weitem kannte.
Zur Zeit großer Not kamen einmal drei Frauen den Berg herauf. Die eine war schwanger. Die zweite trug ein krankes Kind. Die dritte war eine Fremde, von der niemand wusste, woher sie kam. Hinter ihnen lag der Weg offen, vor ihnen nur Wald, Fels und Nacht.
Als das Gewitter losbrach, suchten sie Schutz unter der alten Fichte. Die Schwangere konnte nicht weiter. Die mit dem Kind hatte keine Kraft mehr. Da löste die Fremde ihren Gürtel, band erst das Kind fest, dann die beiden Frauen aneinander, damit keine im Dunkel verlorenginge.
In demselben Augenblick fuhr der Blitz in den Baum. Der Stamm barst von oben bis tief hinab, doch die alte Fichte stürzte nicht. Und im Licht des Schlages sahen die beiden Frauen, dass die Fremde nicht mehr aussah wie zuvor.
Wo eben noch eine Wanderin gestanden hatte, stand nun eine große Frauengestalt, unerquicklich und doch würdig, mit einem goldenen Haarkleid. Manche sagten später, der Blitz habe sie verwandelt. Andere sagten, er habe nur ihr wahres Gesicht gezeigt.
Am Morgen lebten die Schwangere und das Kind noch. Die Schwangere kam später gut nieder, und das kranke Kind genas. Die dritte Frau aber war verschwunden. Nur ihr Gürtel hing noch im gespaltenen Stamm.
Seitdem sagt man im Land, die Kümmernis wohne nicht in Kirchen und nicht in schönen Bildern, sondern dort, wo etwas nicht auseinanderfallen darf. Darum banden Frauen später Tücher, Bänder und Votivbilder an die alte Wetterfichte, wenn sie für ein Kind, eine Schwester, eine Geliebte oder sich selbst um Halt baten.
Und bis heute heißt es im ganzen Ötscherland:
Solange die alte Wetterfichte trotz ihrer Wunde steht, hat die Kümmernis ihre Hand noch nicht weggenommen.
P. S. Vitus ist eigentlich ein männlicher Name; im ÖTSCHER:REICH wurde er jedoch bewusst weiblich gelesen: als 𝖁𝖎𝖙𝖚𝖘 𝕸𝖚𝖑𝖎𝖊𝖗𝖋𝖔𝖗𝖙𝖎𝖘, die Kümmernis.