Oh, das ist fein!
Ernst hat schon den Wanderstock in sein Lastenrad gelegt.
Noch allerdings sitzt er im Wohnzimmer, hört Radio, schlürft einen recht heißen Kaffee und starrt raus in den Regen...
Moderatoren: KlickyWelt-Team, Antler, KlickyWelt-Team
Oh, das ist fein!
Mimi erzählt:
Espresso № 3
WAUN DA MOND SCHEINT
WENN DER MOND SCHEINT
St. Aegyd an der Unrechttraisen, 23. Dezember 1981 - 7. Jänner 1982.
Voaspü: Als ich wieder klar im Kopf bin, rufe ich Zio Gianni an und bedanke mich. Wenigstens ist die Sache diesmal nicht wieder in der Presse gelandet. Jetzt weiß ich endgültig, dass Gianni die Medien im Griff hat. Man darf ihn nicht unterschätzen.
Zwischen Österreich und den USA fliegen die Fetzen: Papa macht Mum Vorwürfe. Mum verteidigt sich nicht. Auch Ash macht Mum Vorwürfe. Wieder verteidigt sie sich nicht. Mum sieht furchtbar aus. Also verteidige ich sie. "Seid froh, dass mit Gretchen alles gutgegangen ist." Dann umarme ich Mum demonstrativ. Sie ist den Tränen nah.
Kein Wunder also, dass Mum schließlich die Flucht ergreift. Edda ist in Deutschland. Viel zu weit weg. Sie kann nichts ausrichten. Und dann liegt da im Krankenhaus dieser Flyer. Schönes Papier. Sanfte Farben. Her Haven™ Issaquah: Heilung. Würde. Erneuerung.
Mr. Nakamura will ein zweites Stück von mir. Meine Wahl fällt auf "Das Gespenst von Canterville". Lori spielt Virginia Otis. Nach dem Skript bin ich raus. Oma Maria hat mich zu Weihnachten zu sich nach St. Aegyd eingeladen. Vielleicht hat sie gemerkt, dass ich in den USA nicht glücklich bin.
Bild: privat + ChatGPT.
Föd 1: Meine Oma Maria und ihr Lebensgefährte, der Herr Horak, holen mich am 23. Dezember mit dem Auto vom Flughafen Schwechat ab. "Mimi!", empfängt sie mich, nachdem sie für mich quittiert hat. "Was bin ich froh, dich wiederzusehen. Groß bist du geworden. Und so dünn! Wo willst du noch hinwachsen? In den Himmel?"
"Ach, Oma!" Mir kommen sogar die Tränen. Normalerweise umarmt Oma Maria niemanden. Bei mir macht sie eine große Ausnahme. Im Auto gibt’s erst mal ein kaltes Schnitzel und Erdäpfelsalat aus dem Glas. Dazu eine Schartner Zitrone. "Das hast du sicher schon vermisst."
In Herrn Horaks dunkelgrünem Lada Niva geht es hinein in den winterlich verschneiten Wienerwald. Und von dort in den südlichsten Teil des Mostviertels in Niederösterreich, an die steirische Grenze und in die Voralpen. "Fabrikant Franz vorm Wald – Pietätswaren, ehem. k. u. k. Hoflieferant", lese ich. Nenne mir 3 Pietätswaren und erhalte 3 M&C's.
Föd 2: 24. Dezember – Heiligabend. Oma lässt mich ausschlafen, während sie mit Herrn Horak im Ort die letzten Besorgungen für die Feiertage macht. Am Nachmittag schmückt sie mit mir den Lichterbaum. Es ist der alte Familienschmuck: Holzfiguren, Strohsterne und Wachskerzen. Ich mag ihn sehr. Der Baum wirkt dann nicht so überladen.
"Das alles wird einmal dir gehören, wenn ich nicht mehr bin", eröffnet mir Oma Maria. "Oma, sag' doch so was nicht." "Doch, doch. Du hast es nicht leicht. Und ich mag nicht, wie man dich in der Weltgeschichte umadumschiebt." Vor der Bescherung wird gegessen.
Was hat die Wirtschafterin Frau Blauensteiner serviert, ehe sie sich wie die anderen an die Weihnachtstafel setzt? Für jeden Menüvorschlag (3 Gänge: Vorspeise – Hauptgang – Nachspeise) gibt es 3 M&C's für dich. Obacht: Bei den vorm Walds wird nicht maßlos gevöllert.
Föd 3: 25. Dezember – 1. Weihnachtsfeiertag. "Komm'. Ich will dir etwas zeigen." Wir fahren vom einen Ende des Ortes zum anderen und stehen dann vor der Ruine des ehemaligen Schlosses der Grafen vorm Wald. Oma Maria holt einen alten Schlüssel hervor.
Sie sperrt auf. Hinter einem schmiedeeisernen Tor geht es hinein in das Innere des Berges. 𝕴𝖓𝖛𝖊𝖗𝖓𝖚𝖒 𝕬𝖙𝖗𝖚𝖒. Unseliger Winter. Das kann ich auf dem Torbogen lesen. Plötzlich stehen wir in einer großen Krypta. "Hier ruhen die Gebeine unserer Ahnen. Auch 𝕬𝖊𝖌𝖎𝖉𝖎𝖚𝖘 𝕮𝖎𝖘𝖘𝖎𝖑𝖛𝖆𝖓𝖚𝖘, der Antler, hat hier seine letzte Ruhestätte."
Da begreife ich, dass mein Traum womöglich keiner gewesen war. Und dass der Antler, den ich liebte, fort ist.
Am Nachmittag bekommen wir Besuch aus Wien: Papa, die Parohy sowie meine Halbschwestern Sissi und Elfi. Papa liebt mich, aber er hat sich in ein Leben hinübergerettet, in dem für mich kein Platz mehr ist. Versuch du, Mimi mit 3 Smileys aufzuheitern. Ich weiß, das ist nicht leicht. Aber: 3 M&C's für dich im Erfolgsfall.
Föd 4: 26. Dezember – 2. Weihnachtsfeiertag. "Wir treffen uns mit jemandem", sagt Oma Maria. Wir fahren auf den Sonntagsberg. Die Basilika sieht man schon von weitem. Aber Oma Maria geht nicht auf sie zu. Sie geht an ihr vorbei. Ein zweites Gebäude steht dort: 𝖁𝖊𝖗 𝕾𝖆𝖈𝖗𝖚𝖒. Heiliger Frühling. Es wirkt wie eine Mischung aus Kapelle und Brunnenhaus.
Dort erwartet uns Frau Wellmann, Chris' Großmutter. Sie sperrt auf. "𝕬𝖋𝖗𝖆 𝕬𝖉𝖔𝖑𝖊𝖘𝖈𝖊𝖓𝖙𝖎𝖆", lese ich und denke nach. Und doch weiß ich sofort: Auch hier fehlt etwas. Ich sehe die beiden Frauen an. Sie schauen zurück, als wüssten sie längst mehr, als sie sagen werden.
"Du bildest dir das nicht ein", sagt Oma Maria. "Es gibt Dinge, die nicht jeder versteht." Frau Wellmann nickt nur. "Und manches", sagt sie dann, "sucht sich seinen Menschen früher, als ihm lieb ist."
Nach ihrem täglichen Mittagsschlaf trinkt Oma Maria für gewöhnlich ein großes Häferl Instantkaffee. Gruselig! Kannst du sie überzeugen? Würfle. ⚀ und ⚁: Das war wohl nichts. Du machst den Kaffee viel zu stark für sie. Ein Feld zurück. ⚂ und ⚃: Schon ganz gut. Aber alte Gewohnheiten änderst du so schnell nicht. Immerhin 3 M&C's für dich. ⚄ und ⚅: Du hast dir allergrößte Mühe gegeben. Ein Feld weiter.
Föd 5: Heute geht es mit Herrn Horak ins Hallenbad nach Mariazell. "Wir sperr'n erst um zehn auf", empfängt uns die übelgelaunte Kassiererin. Hinter ihr sehe ich den Badewart, einen Typen mit Schnauzer. Wir haben wohl ihr Stelldichein gestört. "Ist das dein Opa?", fragt sie mich. "Freilich", sage ich. "Wer denn sonst?"
Der Zufall will es, dass meine ehemalige Klassenlehrerin Frau Gerda Stajković aus Wien-Ober-St.-Veit mit ihrer Familie in Mariazell Ferien macht und ebenfalls das Hallenbad besucht. Ich begrüße sie freundlich. Sie erkennt mich sofort. Sie fragt mich, wie es mir geht. Ich erzähle ihr, dass ich in den USA bei meiner Mum lebe.
Hast du deine Klassenlehrerin früher schon einmal angeschwindelt? Würfle. ⚀, ⚁, ⚂ und ⚃: Ja, dann schäm dich. Das hast du doch nicht nötig. ⚄ und ⚅: Alles gut. Frau Stajković kennt nur eine andere Schlagzeile:
STIFF UPPER LIPS TURNED TO SMILES BY ROYAL WEDDING.
Föd 6: 31. Dezember – Altjahrstag. Oma Maria hat noch eine letzte Überraschung für mich. Edda bringt Chris vorbei. Über die Weihnachtsfeiertage hatte sie Dienst. Jetzt liefert sie Chris bei uns ab und fährt gleich weiter zu ihrer Mutti nach Ulmerfeld-Hausmening. Ich kann mein Glück kaum fassen.
Chris bleibt über Nacht. Zu Silvester sind wir beide geschniegelt wie zwei brave Kinder, die niemandem etwas zuleide tun. In Wahrheit sind wir nur froh, dass wir einander haben. Wir feiern mit Oma Maria und Herrn Horak ins neue Jahr hinein. Am nächsten Vormittag sitzen Chris und ich im Pyjama vor dem Fernseher und sehen uns das Neujahrskonzert an.
Bild Hochzeit von Charles, Prince of Wales, und Lady Diana Spencer: gemeinfrei.
Nochspü: "Hast du ihn noch?", fragt mich Chris später. Ich nicke und zeige ihr den alten PLAYMOBIL-Piratenkapitän Nine Silverspoon. Dann schenke ich Chris meine PLAYMOBIL-Indianerin. Das hatte ich schon lange vor. Sie trägt nur ein Messer, aber das reicht. Sie ist jederzeit bereit, es einzusetzen.
Fast hätte ich's vergessen: Edda Skolka, geborene Wellmann, fragt nach Mum. Ich erzähle ihr von Gretchens Geburt und davon, dass Gianni Molocher geholfen hat. "So, so. Der alte Katzelmacher", sagt Edda nur und spielt mit dem Siegelring, den sie seit der Scheidung wieder trägt.
Zu Dreikönig geht's zurück in die Staaten. Oma Maria steckt mir zum Abschied etwas zu: ein kleines Buch, eingewickelt in ein dunkles, schon etwas speckiges Tuch. Darin stecken ein Brief von Oma Maria und ein Votivbild. "Schau dir's später an." Dann fließen auf beiden Seiten Tränen.
Mum ist, als sie mich mit Gretchen am Sea-Tac abholt, kaum wiederzuerkennen. Sie strahlt und drückt mich – Gretchen auf dem Arm – ganz fest. Ich genieße diesen seltenen Augenblick. "Schön, dass du wieder da bist", sagt sie. Dann richte ich ihr die Grüße von Edda aus. Da wird sie ganz weich.
Oma Maria schreibt:
VIUMOND
VOLLMOND
St. Aegyd an der Unrechttraisen, am 2. Jänner 1982.
Liebe Mimi,
ich schreibe dir das lieber auf, bevor dir andere Leute ihren Unsinn ins Ohr setzen.
Bei uns wird gern von Blut geredet, von Herkunft, Stamm und Linie. Die Hälfte davon ist Geschwätz.
Die Cissilvani, also die vorm Walds, sind ein altes Geschlecht. Aber sie sind keine Blutlinie in dem Sinn, wie die Leute sich das vorstellen. Ein Haus vererbt nicht nur Blut. Es vererbt den Namen, den Grund, die Geschichten, die Toten, die Schuld - und manchmal auch das, was einer tragen muss, obwohl er nie darum gebeten hat.
Als Ahnherr gilt 𝕬𝖊𝖌𝖎𝖉𝖎𝖚𝖘 𝕮𝖎𝖘𝖘𝖎𝖑𝖛𝖆𝖓𝖚𝖘. Das heißt aber noch lange nicht, dass alles, was sich auf ihn beruft, auch leiblich von ihm abstammt. So einfach ist die Welt nicht. Sie war es nie.
Man sagt, Aegidius sei ein großer Mann gewesen, ein römischer Feldherr aus dem alten Noricum, geschätzt von Marc Aurel und gehasst von Commodus. Man sagt auch, man habe ihn Kerud, den Gehörnten, genannt. Die Leute machen gern etwas Großes aus so einem Namen. Dabei liegt oft nur eine kleine Gemeinheit darunter: dass ihm seine Frau Traisma Hörner aufgesetzt hatte. So ist es nämlich auch in der Geschichte: Das Große und das Lächerliche gehen oft Hand in Hand.
Wichtiger ist etwas anderes.
Man kann an einen Namen gebunden sein, ohne von ihm abzustammen. Und man kann von jemandem abstammen, ohne auch nur das Geringste von ihm begriffen zu haben.
Darum will ich nicht, dass du dir je einreden lässt, du gehörtest weniger dazu als andere. Oder zu viel. Beides wäre falsch.
Verlass' dich nicht zu sehr auf das, was die Leute Verwandtschaft nennen. Manches geht näher als Blut. Treue zum Beispiel. Oder das, was einer für einen anderen auf sich nimmt. Daran erkennt man oft mehr als an jedem Stammbaum.
Den Rest wirst du mit der Zeit schon selbst verstehen.
Hab' acht auf dich.
Deine Oma
Der Afrabrunnen am Sonntagsberg
Zur Zeit der Türkennot brachte man die Kinder und jungen Leute auf den Sonntagsberg, damit sie in Sicherheit seien. Unter ihnen war ein fremdes Mädchen mit dunkler Haut, stillen Augen und wenig Worten. Niemand wusste, woher sie kam. Als das Wasser knapp wurde, kam große Angst über alle.
In einer Nacht ging das Mädchen allein zu einem Stein nahe beim alten Brunnenplatz und kniete dort nieder. Was sie dort tat, hat niemand gewiss sagen können. Manche meinten, sie habe gebetet. Andere, sie habe geweint. Wieder andere wollten Blut auf dem Stein gesehen haben.
Am Morgen sprang an derselben Stelle eine warme Quelle auf. Das Wasser war klar und gut. Zuerst ließ man die Kinder trinken, dann die jungen Leute, und es hieß, wer davon trank, dem wurde das Herz leichter.
Das fremde Mädchen aber war verschwunden. Nur ein dunkles Tuch blieb zurück, und auf dem Wasser trieb roter Klee. Da sagte das Volk, es müsse 𝕬𝖋𝖗𝖆 selbst gewesen sein, und nannte die Quelle von da an den Afrabrunnen.
Später baute man ein Haus über die Quelle. Das Wasser darunter aber lebt fort - besonders, wenn der Mond scheint.