Andi22 hat geschrieben: Sonntag 19. Juli 2026, 15:54
Dein Argument leidet an einem fundamentalen Irrtum, der in der Volkswirtschaftslehre seit jeher zu verheerenden Ergebnissen führt: der Vorstellung, der Staat könne „volkswirtschaftlich“ denken und handeln, während die Privatwirtschaft sich nur um ihre eigenen Bilanzen kümmere.
Unter "volkswirtschaftlich denken" verstehe ich, daß der Staat allen Trends entgegen wirken muß, die darauf herauslaufen, Gewinne zu privatisieren, aber Kosten zu sozialisieren. Ich nehme hier als Beispiel den Güterverkehr per Lkw: die Kosten des Transports inklusive Straßenverschleiß und Umweltbelastung lassen sich genau skalieren, sind aber nicht 1:1 auf den Verursacher, sprich: den einzelnen Lkw umgelegt. Sie werden zum Gutteil von der Öffentlichen Hand getragen - deren Gelder aber wieder von denen kommen, die Steuern und Sozialabgaben erwirtschaften und zahlen. Im Prinzip: wenn bei Dir im Supermarkt eine Flasche Milch aus einer Molkerei vom anderen Ende der Republik steht, zahlst Du den Transport zumindest teilweise, ob Du die Milch kaufst und trinkst oder nicht. Ich wäre ein Freund davon, daß bei diesen Kosten deutlich mehr das Verursacherprinzip gilt.
Andi22 hat geschrieben: Sonntag 19. Juli 2026, 15:54
In Wahrheit gibt es keine „volkswirtschaftliche“ Vernunft, die losgelöst von den Entscheidungen der Individuen existiert. Die Volkswirtschaft ist nichts anderes als die Summe aller Einzelwirtschaften. Jeder Versuch des Staates, über diese individuellen Entscheidungen hinwegzugreifen und „vom Menschen her“ zu planen, führt zwangsläufig dazu, dass die Preise, einschließlich der Löhne, ihre Signalfunktion verlieren.
Du forderst, dass jeder Arbeitsplatz einen Lohn zahlen müsse, von dem der Inhaber leben kann. Das klingt menschlich, ist aber ökonomisch absurd. Der Lohn ist kein moralisches Postulat, sondern ein Marktpreis. Er ergibt sich aus dem Grenzprodukt der Arbeit, also dem Wert, den der Arbeiter für den Arbeitgeber tatsächlich schafft. Wenn der Staat einen höheren Lohn erzwingt, werden diejenigen, deren Arbeitsleistung diesen Lohn nicht deckt, entlassen oder gar nicht erst eingestellt. Sie werden zu dauerhaften Sozialfällen, bezahlt von den Steuerzahlern. Genau das kritisierst du ja an den Niedriglöhnen: dass die Allgemeinheit die Differenz aufstocken müsse. Aber die Alternative zum Niedriglohn ist nicht der hohe Lohn, sondern die Arbeitslosigkeit. Und die Subventionierung durch den Staat hört dann nicht auf; sie wird nur noch teurer.
Beim Zusammenhang zwischen Leistung und Entlohnung bin ich bei Dir. Ich fordere aber explizit nicht, daß der Staat Löhne subventioniert. Wenn das Geschäftsmodell eines Unternehmers nur funktioniert, wenn er keine existenzsichernden Löhne zahlt, ist das Geschäftsmodell grundlegend falsch. Der Lebensunterhalt eines Menschen muß erwirtschaftet werden - entweder aus dem, was Du als Grenzprodukt der Arbeit bezeichnest - oder aber wieder von der Allgemeinheit, denn Steuern und Sozialabgaben müssen ja auch erwirtschaftet werden. Hier wieder: wenn Du Dir die Haare schneiden läßt von einer Friseurin, die aufstocken muß, weil der Inhaber des Salons meint: würde er existenzsichernde Löhne zahlen, könnte er den Haarschnitt nicht zu einem akzeptablen Preis anbieten - dann zahle ich mit meinen Steuern und Sozialabgaben Deinen Haarschnitt mit.
Andi22 hat geschrieben: Sonntag 19. Juli 2026, 15:54
Du sagst, der Staat müsse Rahmenbedingungen schaffen, nicht subventionieren. Da stimme ich dir zu. Die beste Rahmenbedingung ist aber ein freier Markt ohne Mindestlöhne, ohne Kündigungsschutz, ohne Gewerkschaftsprivilegien und ohne Steuern und Abgaben, die Arbeit verteuern. Wenn du den Menschen wirklich helfen willst, dann senke die Lohnnebenkosten, beseitige staatliche Monopole und bremse die Inflation. Dann werden die Löhne steigen, weil die Produktivität es erlaubt, nicht weil der Staat es befiehlt.
Und was deine Kritik an Parteien betrifft, die 200x „Wirtschaft“ und nur 30x „Menschen“ schreiben: Diese Wortzählerei ist kindisch. Jede vernünftige Wirtschaftspolitik dient den Menschen. Wer jedoch glaubt, man könne den Menschen durch Umverteilung, Subventionen und staatliche Lohnfestsetzung helfen, betreibt eine Politik, die genau das Gegenteil bewirkt: Sie macht die Menschen abhängig, raubt ihnen die Würde der Eigenverantwortung und zerstört den Wohlstand, den allein die produktive Arbeit schafft.
Du willst, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Gut. Dann lass ihn frei arbeiten, frei vertragen, frei konsumieren. Alles andere ist Gängelung, die am Ende die Schwächsten am härtesten trifft.
Und hier bin ich absolut nicht bei Dir, denn wenn das so umgesetzt wird, sind wir beim blanken Manchester-Kapitalismus. (Siehe auch den
entsprechenden Wikipedia-Artikel.) Lies mal von Emile Zola das Buch "Germinal", denn er beschreibt genau das. Ohne jegliche staatliche Regeln, ohne Kündigungsschutz, "Gewerkschaftspriviliegien" werden die, die außer ihrer Hände Arbeit nichts zu verkaufen haben, exakt so viel verdienen, daß sie eben nicht verhungern. Bei einem Überangebot an Arbeitskräften werden die Löhne gesenkt, bis die entsprechende Zahl Arbeiter verhungert ist; bei Bedarf an Arbeitskräften werden die Löhne minimal erhöht, bis die entsprechende Zahl an Arbeitskräften angeworben ist. Die Gewinne bleiben einzig bei den Unternehmern hängen.
Weiterhin profitieren die Unternehmer aber auch von den Rahmenbedingungen, die der Staat (im Idealfall) schafft: innere und äußere Sicherheit, Rechtssicherheit, eine vernünftig ausgebaute Infrastruktur etc. Dies gibt es aber nicht umsonst. Keine Steuern, keine Sozialabgaben hieße: sie profitieren von den Rahmenbedingungen, ohne die Kosten tragen zu müssen. Große Preisfrage: woher soll das Geld dann kommen, wenn nicht aus Steuern und Sozialabgaben?
Auch wenn wir im Einzelnen darüber verhandeln können, ob und wie viel Wildwuchs es bei den staatlichen Regelungen gibt; ob der Kündigungsschutz zumindest gelockert (aber keinesfalls ganz abgeschafft) werden müßte, ob und wie Lohnnebenkosten gesenkt werden könnten (und vermutlich liegen unsere Ideen hier nicht weit auseinander): es braucht staatliche und gesetzliche Regelungen, die dafür sorgen, daß die abhängig Beschäftigten von dem Mehrwert, den sie mit ihrer Arbeit erwirtschaften, einen angemessenen Anteil abkriegen. Dies zusammen mit dem Aspekt, daß unternehmerische Kosten eben nicht auf die Allgemeinheit abgewälzt, sondern von den Verursachern getragen werden, verstehe ich unter einer Wirtschaftspolitik, die den Menschen dient.
Und genau diesen Aspekt vermisse ich bei der Partei, über deren Parteiprogramm ich geschrieben habe.