Ich werde versuchen, pünktlich im Chat zu sein.
Viele Grüße
Julia
Moderatoren: KlickyWelt-Team, Antler, KlickyWelt-Team
Mimi erzählt:
Espresso № 5
AUFMUCKN?
AUFBEGEHREN?
Seattle, 17. September 1983 - 28. Mai 1984
Voaspü: Die Misfits sind passé. Trish ist lange weg. Beth hat noch ein paarmal bei mir übernachtet. Sie hat mir Modell gestanden. Sie hat bei mir im großen Bett geschlafen, und wir lagen eng aneinander, als könnten wir Trish so zurückholen. Wir waren gemeinsam einsam.
Dann ist auch Beth weg. Ihr Vater ist in Wenatchee zum Bürgermeister gewählt worden. Ich werde ihre Ruhe vermissen. Ihre Stille. Ihren Atem neben mir. Zu Lori habe ich ebenfalls keinen Kontakt mehr. Die Skifreizeit hat uns endgültig auseinandergebracht. Sie hat sich bei mir bedankt. Das schon. Aber inzwischen steht sie bei den Jungs. Ich höre ihr Gekicher, sehe das Schulterknuffen und weiß, dass ich damit nicht gemeint bin.
Mit dem Schwimmtraining habe ich aufgehört. Mum passt das gar nicht. "Du brauchst Ordnung!" Sie meint wohl Zucht. Zu meinem 14. Geburtstag legt sie ein Faltblatt auf den Tisch: Señores Modoaldo Ruiz und Tito Casado – Tanzlehrer. "Ich habe dich dort angemeldet!" "Tanzstunden? Das kann nicht dein Ernst sein." "Oh, doch. Du gehst."
Ash sagt nichts. Er ist selten da, und wenn doch, wirkt er schon wieder halb weg. THE SUPERSONICS ziehen ihn aus dem Haus. Mum lächelt dazu auf diese schöne, gefährliche Art. Je heller Ash draußen leuchtet, desto kälter wird es drinnen.
Bild Buenos Aires: privat.
Föd 1: Señor Modoaldo Ruiz sieht mich an und weiß sofort, dass ich mir angewöhnt habe, mich kleiner zu machen, als ich bin. "Noch einmal", sagt er. Ich habe den Tangoschritt kaum begonnen. Der X-Choker sitzt fest an meinem Hals. Sein Blick bleibt kurz daran hängen. Er fragt nicht danach. Das ist schlimmer.
"Du tanzt, als wolltest du dich entschuldigen", sagt er. "Wofür? Für deine Existenz. Schluss damit." So beginnt es. Nicht romantisch. Nicht weich. Nicht mit einem Jungen, der meine Hand nimmt. Sondern mit Parkett. Spiegeln. Schweiß. Und einem alten Herrn in tadellosen Schuhen, der mir klarmacht, dass meine 1,83 Meter kein Unglück sind. Sondern Präsenz.
Ich gehe heim mit schmerzenden Füßen und dem ersten Gefühl, dass mein Körper vielleicht doch nicht gegen mich arbeitet. Ich habe nur noch nicht gelernt, richtig mit ihm umzugehen. Würfle.
⚀, ⚁, ⚂ und ⚃: Aller Anfang ist schwer.
⚄ und ⚅: Señor Ruiz nickt einmal. Das ist fast schon ein Ritterschlag. 3 M&C's für dich!
Föd 2: Tito Casado lebt mit Señor Modoaldo Ruiz zusammen. Er ist jünger, schöner, wärmer und auf seine Art mindestens so gefährlich. Mum hat mich dort angemeldet. Der Rest passiert einfach. Ich bin kein Projekt von ihnen. Ich bin da. Ruiz bringt mir Haltung bei. Tito bringt mir bei, was man mit Haltung anfängt. Der eine sagt: "Langsamer." Der andere: "Cielito, Kinn hoch. Nicht trotzig. Souverän."
Sie nutzen meine Vorliebe für Stummfilme schamlos gegen mich aus. Hände, Blicke, Pausen. Bei Señor Ruiz und seinem Tango Argentino wird alles Linie. Durch Tito kommt kubanische Salsa dazu. Fluss. Hüfte. Atem. Timing. Ich lerne: Stil heißt nicht unbedingt, hübsch zu sein. Stil heißt vor allem, deutlich zu sein.
Tito zeigt mir, wie man Lippenstift benutzt, als wäre es Handwerkszeug. "Nicht zu viel", sage ich. "Nicht zu wenig", sagt er. Ich lerne schnell. Zwei Männer, die sich kennen, sich aushalten und einander Platz lassen. Irgendwann merke ich, dass ich nicht mehr nur zum Unterricht komme. Ich habe einen Platz in ihrem Leben. 1x würfeln.
⚀ und ⚁: Tito macht für dich Kaffee. Noch ist er etwas dünn. Trotzdem erhältst du 3 M&C’s.
⚂, ⚃, ⚄ und ⚅: Aller Anfang ist schwer.
Föd 3: "Cielito, du solltest endlich zum Frauenarzt gehen", sagt Tito, als rede er über ein Paar neue Schuhe. Er hat recht. Natürlich hat er recht. Das ist das Ärgerliche. Also gehe ich hin. Ich bekomme die Pille wegen meiner Körperbehaarung verschrieben und begreife, dass mein Körper meine Sache ist. Jedenfalls keine Familiensache.
Unangenehm bleibt es trotzdem. Tito hilft mir bei der Entfernung der lästigen Härchen, erst einmal als praktische Soforthilfe. Er erklärt mir, worauf ich achten muss und wie man die Haut hinterher beruhigt. Später stehe ich im Atelier vor dem Spiegel. Der X-Choker sitzt fest an meinem Hals wie ein Fremdkörper. Ich hebe den langen Rock ein wenig, sehe meine Beine an und denke:
Vielleicht ist nichts davon falsch. Vielleicht ist es nur Arbeit. Vielleicht muss ich lernen, meinen Körper nicht wie einen Feind zu behandeln. Noch traue ich mir selbst nicht ganz über den Weg. Aber ich fange an.
Tito will dich aufmuntern. Welche 3 Emojis wählt er? Bei Gefallen gibt es 3 M&C's.
Föd 4: Valentinstag. Nach der Stunde nimmt Tito mich zum ersten Mal mit nach oben in die Wohnung über der Tanzschule. Schon unten kommt man nicht einfach rein. Die Tür hat eine Drahteinlage. Tito klingelt. Señor Ruiz lässt uns herein. Von außen wirkt der Laden abweisend. Drinnen nicht. Eine Treppe höher ist es eine andere Welt.
Tito will mir erst eine Cola einschenken. "Un espresso, por favor", sage ich. Er sieht mich an. "Cielito lindo, du bist vierzehn." "Ich weiß." Señor Ruiz hebt nicht einmal den Blick. "Dann gib dem Mädchen einen Espresso." Ich sitze da und höre zu. Mehr nicht. Aber es reicht. Mum hat mich zur Tanzschule geschickt, damit ich Form lerne. Das stimmt sogar. Nur nicht die, die sie gemeint hat.
Du steckst Señor Modoaldo Ruiz und Tito Casado eine selbstgemachte Valentinskarte zu. Würfle.
Der Text ist ...
⚀ und ⚁: ehrlich
⚂ und ⚃: zweideutig
⚄ und ⚅: frech
Formuliere maximal 12 Wörter. Gib dir Mühe und erhalte so 3 M&C's.
P. S. Auf dem Tisch liegt ein Zeitungsausschnitt:
NEW U. S. REPORT NAMES VIRUS THAT MAY CAUSE AIDS.
Föd 5: Ash ist zwischenzeitlich sehr weit gekommen. THE SUPERSONICS laufen schon lange nicht mehr nur in Seattle. Fotos. Studio. Interviews. Europa. Ash ist weich geblieben, aber sein Leben nicht. Sein Leben hat jetzt Termine, Manager, Flughäfen und Mädchen, die genau wissen, wen sie da ansehen. Mum lächelt dazu. Sie lächelt viel in dieser Zeit.
Dann sieht sie mich in Tanzkleidung. Nicht nackt. Nicht billig. Nicht einmal besonders mutig. Nur sichtbar. Mum schüttelt den Kopf, sagt nichts und geht. Dass sie mir nicht einmal das Wort gibt, trifft mich mehr. Später paffe ich im Atelier am Fenster meinen ersten Zigarillo. Ich huste, fluche leise und rauche trotzdem weiter.
Drinnen riecht es nach Stoff, Schminke und blauem Dunst. Draußen ist Mercer Island wie immer. Ash ist nicht da. Mum wird bitterer. Und ich werde genauer.
Nach dem Schlag ziehst du dich innerlich zurück. Nenne 3 Dinge, die jetzt in deinem Atelier nicht fehlen dürfen. 3 Dinge = 3 M&C's.
FÖD 6: Ich schaue in den Spiegel. Nicht frei. Nicht fertig. Aber da. Im Atelier ist Platz für Bett, Spiegel, Tango, Salsa, Rauch, Stummfilme, Zeichnen. Beth stand mir hier Modell. Beim Tango sehe ich zum ersten Mal nicht mehr aus, als wollte ich mich entschuldigen. Beim Salsa merke ich, dass ein Körper nicht nur Kante haben muss.
Señor Ruiz ist für mich zur Instanz geworden. Tito und er sind so etwas wie Familie. Nicht Blut. Besser. Gesagt hätte das keiner von beiden. Mum wollte ein anständiges Mädchen. Stattdessen bekommt sie mich: noch mit X-Choker. Aber nicht mehr ohne Widerstand.
Ich merke immer schneller, wenn Leute etwas schönreden. Wenn sie Fürsorge sagen und Kontrolle meinen. Wenn sie Form sagen und Gehorsam meinen. Ich hebe das Kinn. Vor dem Spiegel steht keine Vorzeigetochter. Nur ich. Noch nicht ganz Afra. Aber auf dem Weg dorthin.
Bild HIV-1 Virus: ChatGPT.
Nochspü: Her Haven™ lässt nicht locker. Mum findet den Lippenstift. Dann die Schuhe. Dann auch noch die Pille. Am Ende sitzt eine Frau bei uns im Wohnzimmer. Glatte Stimme. Freundliches Gesicht. Alles an ihr klingt nach Fürsorge und meint Gehorsam. Sie redet von Anstand, Auftreten und falschen Signalen. Mum hört ihr zu. Dann nennt sie mich hussy. Flittchen.
Später bin ich bei Señor Ruiz in der Küche. Tito setzt Kaffee auf und reicht dazu Pastelitos de guayaba y queso. Ich rede schneller, als ich atmen kann. Señor Ruiz hört zu, bis ich fertig bin. Dann sagt er: "Stil reicht gegen manche Leute nicht. Macht schon." Das ist leider nur zu wahr.
Zu Hause warte ich, bis Mum schläft. Dann nehme ich das Telefon. "Zio Gianni", sage ich, als er rangeht. "Jetzt wird’s Zeit." Er schweigt kurz. Nicht überrascht. Eher so, als hätte er mit genau diesem Anruf längst gerechnet. Dann sagt er: "Also doch." "Ja." Wieder Schweigen. Diesmal erkläre ich nichts. Das habe ich vor Monaten schon getan. Er weiß, worum es geht. Er weiß auch, dass ich nicht anrufe, um mich auszuweinen.
Dann lacht er leise. "Du klingst nicht mehr wie ein Kind." "Gut", sage ich. "Dann fang endlich an." Diesmal rede ich nicht von Hilfe. Diesmal rede ich nicht von Hoffnung. Und ich erkläre ihm auch nicht noch einmal, was Her Haven™ mit Mum macht. Das alles weiß er längst. Ich will nur noch wissen, ob er es ernst meint.
Als ich auflege, weiß ich wenigstens das: Her Haven™ hat wieder angegriffen. Jetzt schlage ich zurück.
Kaffee?